Gibt es objektive Kriterien zur Beurteilung einer Interpretation? Ein Versuch.


Eine „klassische“ Situation: Ein Quartett spielt ein Konzert, beginnend mit Haydn. Mir hat der Haydn gefallen: Es wurde präzise, frisch, akzentuiert, unverkrampft musiziert – so mein Eindruck, meine Empfindung. In der Pause treffe ich drei Bekannte (Musikkenner) und frage sie nach ihrer Meinung:
Kenner 1 war begeistert – er zeigte nur Daumen aufwärts und strahlte übers ganze Gesicht.
Kenner 2 hatte Bedenken: Insgesamt nicht schlecht, aber das eine oder andere hätte ich anders gespielt.
Kenner 3: Das war überhaupt kein Haydn!

Über die oben formulierte Frage denke ich schon lange nach, und je weiter ich darüber nachdenke, desto schwankender erscheint mir der Boden, auf dem ich mich befinde. Nun aber die Flinte ins Korn zu werfen und zu sagen, es gibt eben nur subjektive Kriterien, ginge wider meine Überzeugung. Darum dieser „Versuch“.

1. Theoretischer Beweis für die Existenz(notwendigkeit) objektiver Kriterien


Der kürzeste Weg zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage wäre in der Tat: NEIN, es gibt keine objektiven Kriterien. Warum? Wenn die Meinungen dreier Kenner, wie eben geschildert, derart voneinander abweichen, KANN es keine objektiven Kriterien geben, sondern nur subjektive. Doch das ist logisch falsch. Richtig wäre:Mindestens zwei dieser Meinungen müssen subjektiv gewesen sein, maximal eine könnte objektiv gewesen sein. Also: Wer urteilte subjektiv (vielleicht alle drei), wer objektiv (evtl. gar keiner)? Gibt es einen Ausweg? Ich hoffe schon.

Diese Hoffnung leite ich aus den folgenden Gedanken ab.

Erstens aus Erfahrung: Ich beteiligte mich (vor Zeiten) an einem häuslichen Ensemblespiel (Klaviertrio). An einer Stelle sagte der Geiger, das Zusammenspiel unterbrechend: So geht das doch nicht! Wie geht´s denn dann, fragte der Cellist. So!, sagte der Geiger, und spielte, zählte, stampfte, gestikulierte die Stelle vor. Da hat er Recht, sagte ich, das Cello nickte zustimmend – also: Konsens! Die (im Augenblick für uns drei) richtige Interpretation war gefunden. Also scheint es sie zu geben. Wenn drei Musiker (wenn auch Amateure) einer Meinung sind, muss etwas OBJEKTIVES dran sein.

Zweitens aus der folgenden Überlegung: Angenommen, es gäbe in der Tat nur subjektive Kriterien („gefällt mir“, „gefällt mir nicht“). Dann müsste man jede – jede! – Interpretation gelten lassen, weil es ja keine Kriterien zur objektiven Wertung gäbe. De gustibus disputandum non est! Dann könnte ich diese Überlegungen gleich in den Papierkorb werfen. Wenn dem aber so wäre, könnte man Kunst überhaupt nicht kritisieren, dann würde in der Kunst Beliebigkeit herrschen. Die Feuilletonredakteure dieser Welt würden arbeitslos werden. Wo Beliebigkeit herrscht, gibt es keine Kunst. Gegenstand dieser Betrachtung ist aber Kunst. Also darf es bei Interpretationen keine Beliebigkeit geben – folglich muss es objektive Kriterien zu ihrer Bewertung geben.

Drittens: Es gibt sogar einen unmittelbar musikalischen objektiven „Beweis“ dafür, dass es objektive Kriterien gibt: In der Barockmusik, z. B. auch bei J. S. Bach, finden sich relativ wenige Spiel- und Tempoanweisungen. Warum? Weil es dem Komponisten klar war, dass der (aus)gebildete Musiker anhand der Noten den Charakter des Stückes (selbstverständlich) erkannte und wusste, wie es demnach zu spielen sei. Dass ein offensichtlich vorausgesetzter Konsens unter Musikern existierte, ersparte (überflüssige) Anweisungen!

Viertens: Gäbe es keine objektiven Maßstäbe, gäbe es keine Wettbewerbe, bei denen eine Jury über Preisvergaben entscheidet.

Fünftens: Um dem Ganzen ein philosophisches Fundament zu geben, möchte ich aus einem (gerade zufällig gelesenen) Buch zitieren:
“Es ist nicht bloß die Subjektivität des Denkens, die ein Problem darstellt, sondern auch die Fähigkeit unseres Denkens, die Subjektivität zu übersteigen und zu entdecken, was objektiv der Fall ist.  Denken und Begründen sind richtig oder unrichtig aufgrund von etwas, das unabhängig ist von den Überzeugungen des Denkenden und sogar von den Überzeugungen der Gemeinschaft der Denker, der er angehört.“
Dieses „etwas“ ist also Objektivität, die „Überzeugungen“ sind subjektiv.

Fazit: Es gibt also doch objektive Maßstäbe – nur, wie sind sie zu definieren oder zu erkennen? Wie sind sie von subjektiven Meinungen abzugrenzen?

2. Wie sind objektive Kriterien zu fassen?


2.1. Notwendige Definitionen

2.1.1. Was ist Interpretation?

Bevor ich der aufgeworfenen Fragestellung näher trete, muss ich eine Definition voranstellen.Was ist überhaupt „Interpretation“? Das Brockhaus Riemann Musiklexikon gibt Auskunft: „Nachschöpferische klangliche Verwirklichung musikalischer Aufzeichnungen.“
Bleiben wir zunächst bei den „Aufzeichnungen“: Was wir von der Musik Verstorbener haben, sind eigentlich nur die Noten, sieht man einmal von Aufnahmen ab, die vom Komponisten gestaltet wurden (ich besitze zum Beispiel eine CD, auf der Hindemith eigene Werke dirigiert – und zwar so, wie sie gedacht sind, wie sonst).
Sehen wir von diesen Ausnahmen einmal ab, und bleiben wir zum Beispiel bei Mozart. Wir kennen also nur den Notentext, und sonst nichts. (Verbale Beschreibungen seines Spiels durch Zeitgenossen vernachlässige ich.) Da setzt sich nun ein Interpret hin und beginnt, „nachschöpferisch“ zu werden: Er studiert ein Werk. Er liest den Text, analysiert ihn (kognitiv) formal, thematisch, motivisch und (intuitiv) emotional. Dann übt er es ein und trägt es irgendwann einmal vor – und zwar so, wie er meint, dass es sich gehört: Der Interpret macht sich einen Reim auf das, was er da liest und analysiert, er gibt seine Auffassung (Auffassungsgabe hat er ja) dazu, und was dabei heraus kommt, ist dann Mozart + „I“ . Mozart pur gibt es nicht.

2.1.2. Wie kommt es zum Dissens?

Wie kommt es aber nun zu einem Dissens zwischen Kennern?  Das Kunstwerk (so liest man in modernen Publikationen) entsteht ja erst im Gehirn des Rezi-pienten. Chopin meinte das wohl, als er sagte: „Ich deute nur an, der Hörer muss vollenden“. Also Mozart + „I“ + „R“ . Es wird langsam kompliziert. Aber genau da liegt die Kerbe, wo man einhaken kann und muss: Wenn I und R nicht übereinstimmen, knallt´s eben, wenn auch nur - für andere vorerst nicht wahrnehmbar - im Gehirn von R. Für Verlautbarungen ist dann die Konzertpause (oder etwas später die Weinstube) da. Damit sind wir beim Problem. Woher kommen diese Abweichungen zwischen I und R?

An dieser Stelle erlaube ich mir einen kleinen Exkurs in eine Schublade aus früheren Berufszeiten: Ich meine die Informationstheorie. Sie fragt unter anderem, wodurch es zu Störungen im Informationsprozess kommen kann.Bei der Informationsübermittlung sind drei „Organe“ beteiligt:
1. Der Sender
2. Der Kanal
3. Der Empfänger

Musik zu machen benötigt zwei dieser Konfigurationen. Die erste befindet sich zwischen Komponist und Interpret. Es gilt:
Sender = Komponist (1)
Kanal = Notentext  (2)
Empfänger = Interpret (3)

Die zweite befindet sich zwischen Interpret und Rezipient:
Sender = Interpret (4)
Kanal = Luft als Tonträger (5)
Empfänger = Rezipient (6)

Zu (1): „Störungen“ können vorliegen, wenn der Komponist sich „verschreibt“. Diesen Fall möchte ich vernachlässigen.

Zu (2): „Störungen“ sind Fehler beim Notensatz und Nachlässigkeit beim Korrekturlesen. Ist für unser Problem aber irrelevant.

Zu (3): Hier müsste eine größere Abhandlung über das Problem der Interpretation stehen. Ich gehe weiter unten darauf ein.

Zu (4): Der Interpret stellt sich zwar etwas unter der gelesenen Noten vor, vermag es aber nicht umzusetzen. Das ist ein intrapersonelles Problem.

Zu (5): Luft ist in jedem Konzertsaal. Kein Problem – abgesehen von schlechter Akustik.

Zu (6): Da Musik – das muss ich voraussetzen – eine Abbildung seelischer Zustände und/oder Abläufe ist, löst Musik im Rezipienten etwas aus. Und das entweder unmittelbar oder mittelbar. Was heißt das? Jeder Mensch hat in seinem Leben schon Gespenster gesehen (das ist etwas Negatives) und Visionen gehabt (das ist positiv gemeint). Den einen erinnert ein Musikstück an ein Gespenst, das er schon mal gesehen hat, den anderen nicht, weil er so ein Gespenst noch nie gesehen hat. So kommen in verschiedenen Rezipienten aufgrund unterschiedlicher Prädispositionen unterschiedliche Auffassungen über ein und dieselbe Musik zustande! Das gilt sowohl für die Musik als solche als auch für Interpretationen. Soviel zur Musikpsychologie, und das nur laienhaft.

Wie kommen verschiedenen Prädispositionen im Rezipienten zustande?
Mir fallen folgende Ursachen ein:

1. Man ist geprägt. Erstes, eigenes Beispiel: Mein Musiklehrer verlangte von mir stets eisernes Tempohalten, egal, bei welchem Stück. Wenn ich schneller oder langsamer wurde, begann er zu toben. Und er hat es begründet: Erstens steht´s nicht in den Noten – und die sind das Einzige, was wir über das Stück objektiv wissen –, und zweitens wird dadurch das Stück verzerrt, es entsteht so eine Art von Karikatur.
Ich möchte dazu Folgendes (ergänzend und nebenbei) berichten: Als ich einmal ein (komplexeres) Stück von Chopin übte, vernachlässigte ich versuchsweise beim Durchspielen alle vorgeschriebenen Tempowechsel - und erkannte die Struktur des Stückes schlagartig; es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Heureka! Als ich es dann in den verschiedenen vorgeschriebenen Tempi spielte, meinte ich, es besser verstanden zu haben und auch besser (plausibler) zu spielen als vorher. Gewiss: Es ging meinem Musiklehrer offensichtlich um einen pädagogischen Effekt. Der half aber – zumindest in diesem Fall!Zweites Beispiel: Als ich (ebenfalls in jungen Jahren) einmal ein Stück, das ich nur von Schallplatte her kannte (Symphonie), in einem Konzert hörte, war ich irritiert: Es klang ganz anders – anders als meine Hörgewohnheit! Da kaufte ich mir erstens die Taschenpartitur, zweitens eine Schallplatte mit dem eben gehörten Dirigenten und verglich. Ich kam zu einem Urteil. Meine „Prägung“ schmolz dahin, meine Erfahrung nahm zu.

Trotzdem gebe ich zu: Meine Prägung – vielleicht auch meine Veranlagung – sagt mir: Je mehr nur „gespielt wird, was in den Noten steht“, desto klarer tritt die Intention des Komponisten zutage, desto besser ist die Interpretation. Weniger ist mehr! Das ist – zugegeben – ein Vorurteil. Diese Prägung habe ich zwar oft relativiert (auch – der Ehrlichkeit halber sei´s gesagt - relativieren müssen), sie besteht aber prinzipiell immer noch. Man verzeihe mir diese Nabelschau – aber geht es denn nicht allen so, die sich ein Leben lang intensiv mit Musik beschäftigen?

2. Man hat sehr viel Erfahrung – sei es als Rezipient, sei es als Ausübender (oder beides). Kurz: Man kennt sich aus. An dieser Stelle muss ich noch eine Definition einfügen: Was ist „Erfahrung“? Musik vollzieht sich auf zwei Ebenen, der mental-kognitiven, und der intuitiv-emotionalen Ebene. Je mehr Musik man analysiert (sich also mental-kognitiv mit ihr beschäftigt), desto leichter wird der Zugang auf intuitiv-emotionaler Ebene – weil in einem Kunstwerk das Mentale und das Emotionale zu einer Einheit verschmelzen. Pardon: Es ist meine Erfahrung, dass „Erfahrung“ auf diese Wiese zustande kommt. Zum Verhältnis Prägung – Erfahrung: Erfahrung vermag also frühere Prägungen durchaus aufzuheben.

3. Authentizität. Hinsichtlich des Interpreten möchte ich eine Forderung aufstellen: Interpretation muss authentisch sein. Was ist das?
Erstens nicht „nachgemacht“, sondern auf dem eigenen Mist gewachsen, und
zweitens in sich schlüssig, mit den Intentionen des Komponisten vereinbar.

Ein guter Interpret muss eine Persönlichkeit sein, und die muss „durchschimmern“; eine wohlüberlegte Darstellung wird von ihm erwartet. Alfred Brendel sagt: Geniales „ist richtig und kühn zugleich. Seine Richtigkeit gibt uns zu verstehen: So muss es sein. Seine Kühnheit überrascht uns und überwältigt uns mit der Erkenntnis: Was wir für unmöglich gehalten haben, wird wahr.“ Das ist es wohl. Und das lässt sich auf jegliche musikalische Betätigung ausweiten.

Im Laufe des Lebens schälen sich dann so allmählich Maximen heraus, auf deren Einhaltung man besteht (oder glaubt, bestehen zu müssen). Das ist die Authentizität des Rezipienten! Werden sie nicht eingehalten, findet man die Interpretation schlecht, andernfalls gut. Das ist eine ziemlich individuelle Angelegenheit. Da bekanntermaßen jeder Mensch anders ist, gibt es unterschiedliche Maximen. Aber: Müssen diese Maximen denn wirklich so starr sein? Gibt es da nicht so etwas wie eine Bandbreite des „Erlaubten“, einen Korridor, dessen Grenzen nicht überschritten werden sollten?

2.1.3. Was sind Qualitätsmaßstäbe der Interpretation?

Aus diesem Gedankendschungel objektive Kriterien abzuleiten, zu sagen, wo Grenzen sind, was erlaubt und was verboten ist - ist das möglich?
Was sagt Brockhaus Riemann dazu?  „Die Qualität der Interpretation gilt als abhängig vom Grad der Annäherung ans kompositorisch Gemeinte.“
Wissen wir´s jetzt? Wir wüssten es, wenn wir das „kompositorisch Gemeinte“ ganz genau kennen würden oder definieren könnten. Tun wir das? Nein. Oder? Wusste es der Komponist oder folgte er „nur“ seiner Intuition? Ist Komposition ein bewusster oder ein unbewusster Akt? Wahrscheinlich beides.

Ich möchte an dieser Stelle etwas berichten (leider nicht aus dem Musikbereich), was ich selbst nicht erlebt habe, sondern was mir erzählt wurde. Ein Bekannter von mir, Germanist, nahm (damals als Assistent) an einem Poesie-Seminar teil, zu dem der (noch lebende) Dichter der zu interpretierenden Gedichte eingeladen war. Ein Seminarteilnehmer trug seine Interpretation vor. Der Dichter schaute sich irritiert um, schüttelte den Kopf, zeigte dem Vortragenden den Vogel (!!) und verließ wortlos den Raum. Das war stark, nicht wahr? Das heißt, aus der Sicht des Dichters (des Schöpfers) war diese Interpretation (mindestens) FALSCH. Ein Indiz dafür, dass sich Intuition offenbar der Analyse entzieht? Arme Wissenschaft! Kurz: Es lässt sich nicht alles analysieren, aber Vieles erfühlen (ich weiß, das Eis ist dünn …). Da liegen die Unterschiede zwischen Mensch und Mensch, aber diese lassen sich wiederum erfühlen. Wozu verfügen wir auch über Empathie?

Kommen wir zurück zur Musik.  Ich will einmal anhand zweier sehr bekannter Pianisten versuchen, eine Antwort zu geben.
Der bereits zitierte Alfred Brendel fordert: Der Interpret hat der Diener des Werkes zu sein. Er muss erst dahinter kommen, was der Komponist sagen wollte (!?), und dies dann möglichst gut darstellen. Brendel fordert Demut vor dem Genie – ist das etwa falsch? Ist das zuviel verlangt? Das krasse Gegenteil war die (gelegentliche) Auffassung Glenn Goulds: Er hat manche Stücke so dargestellt, um ihre (seiner Meinung nach) schlechte Qualität zu entlarven. Beispiel: Die sog. „Appassionata“ von Beethoven, die er quälend langsam spielte, um die „Banalität“ dieser Sonate herauszustellen. Und: Glenn Gould sagte einmal, wenn Mozart länger gelebt und so weiter gemacht hätte, wäre er etwa auf dem Niveau von C. M. v. Weber angekommen. Das ist eine nicht mehr zu übertreffende Arroganz, die ich weiter wohl nicht zu erläutern brauche. Und Stücke absichtlich in falschem Tempo zu spielen, ist ein Verbrechen. Exzentrizität – gelegentlich wohlmeinend mit „Genie und Wahnsinn“ entschuldigt – ist daher zu verwerfen, sei es als Überheblichkeit, sei es (Pardon) als Krankhaftigkeit. Das ist OBJEKTIV SCHLECHT. Oder?

Noch ein Beispiel: Vor ein paar Jahren hörte ich in der Stadt X ein Symphoniekonzert, das ausschließlich Werken von Mozart gewidmet war; es dirigierte Herr Y . Er begann mit der „Kleinen Nachtmusik“. Und für mich begann eine Folter: Herr Y versuchte, aus diesem nun wirklich charmanten Stück ein hochdramatisches Endzeitgemälde zu machen. Wilde Tempiwechsel, wilde Lautstärkewechsel, wilde Artikulationswechsel – ich traute meinen Ohren nicht. Mozart wurde vergewaltigt, das Stück zerstört. Munter sprudelte mein Adrenalin.
Erste Begründung meines Urteils: Mozarts Musik ist so vollkommen, dass ein (willkürliches) Hinzutun ein Wegtun, eine Verschlechterung bedeutete. Also: OBJEKTIV SCHLECHT.
Weitere Begründung: Wer anderer Meinung ist, erhebt sich über das Genie Mozart (!!), ist schlichtweg arrogant. Sich über einen (mäßig begabten) Dirigenten zu erheben, indem man ihn heftig kritisiert, ist nicht (zumindest weitaus weniger) arrogant. Das leiste ich mir. Als Amateur mit Erfahrung.

Und noch ein Beispiel, das mich seinerzeit sehr aufgebracht hat: Ein Pianist spielte u. a. Chopins vier Scherzi. Nun steht über jedem Scherzo „Presto“ oder „Presto con fuoco“. Das ist schnell. Die Mittelteile sind langsam bzw. deutlich langsamer. Was tat der Mann? Er verzog die schnellen Teile mit irrwitzigen Tempi bis zur Unkenntlichkeit (Details waren kaum mehr hörbar) und zog die Mittelteile quälend langsam in die Länge. Mein Eindruck: Dieser Herr wünschte zu Tode gerittene Paradepferde der Klavierliteratur in einem völlig neuen Outfit darzustellen, er wollte sich (nicht Chopin ) damit interessant machen. Das hatte meiner Meinung nach mit Chopin nichts mehr zu tun. (Ich stehe zu meiner Meinung, siehe Fußnote 9.) Welcher Musiker/Musikkenner weiß denn nicht, dass schnelles Tempo an der Deutlichkeit der Darstellung seine Grenzen findet? Sonst würde der Komponist ja nicht so viele Noten geschrieben haben! Die wollte er alle (alle!) zu Gehör gebracht wissen!

Was ist aus alledem zu folgern? Wenn ein Interpret (Selbstdarsteller) absichtlich und mutwillig ein Werk als Vehikel seines ach so bedeutenden Egos missbraucht, ist das ein Verstoß gegen das Berufsethos und daher verwerflich. Das ist eigentlich keine musikalische Frage mehr, sondern eine Charakterfrage. Ein solches Schlagen über die Stränge müsste mit Buh-Rufen geahndet werden. Nur: Wer kann das beurteilen? Nur Hörer mit viel Erfahrung, eben „Connaisseure“. Und die sind meistens gut erzogen und machen so was nicht …

Können wir damit etwas anfangen? Ich fürchte, ich muss diese alte Plattitüde nochmals bemühen: Wo Worte aufhören, fängt Musik erst an. Oder: Wer Ohren (und die dazu nötige Seele) hat, zu hören … dem ist klar, was Brendel (s .o.) meint.

2.2. Wie sieht es speziell in der Kammermusik aus?

Das eben Gesagte gilt zunächst für Solisten und Dirigenten. Die Gefahr, dass Kammerensembles derart entgleisen, ist (zumindest statistisch gesehen) geringer, denn hier müssen sich einige wenige Leute auf einen Nenner einigen. Mag sein, dass es einem Quartettprimarius gelingt, eine abstruse Idee den anderen dreien aufzuzwingen; das dürfte aber doch eher selten der Fall sein und keinesfalls so extrem. Vor diesem Hintergrund lasse man die Szene, die ich anfangs geschildert habe, Revue passieren!  Dennoch ist zu fragen: Was kann an einer Interpretation durch ein Kammerensemble objektiv schlecht sein?  Da fällt mir vor allem die Inhomogenität ein. Davon sind mehrere Formen zu konstatieren:
(1) Wenn in einem Trio der Pianist zu laut spielt (und die Streicher „erschlägt“), hört man das. Dasselbe ist auch bei Streichquartetten denkbar: einer spielt zu laut!
(2) Wenn in einem Quartett einer der vier nicht mit derselben Leidenschaft und/oder Präzision spielt wie die anderen, hört man das auch.

Dann: Nicht ausreichende Berücksichtigung des Notentextes. Wer schlampig interpretiert, also die vorgeschriebenen Ausführungsanweisungen wie Akzente, crescendi/decrescendi, Tempoangaben usw. nicht befolgt, spielt objektiv schlecht. (Beispiel: „Das Finalpresto dieses Haydn-Quartettes war höchstens ein Allegro moderato …“). Das lässt sich alles festmachen. Objektiv „schlechte“ Interpretationen sind als solche erkennbar! (Das Thema Opernregie lasse ich lieber – bevor ich in unschickliches Vokabular abgleite.)

2.3. Verhältnis Objektivität - Subjektivität

Interpretation ohne Subjektivität ist unmöglich. Wenn sogar ein und derselbe Künstler in größerem zeitlichen Abstand zwei unterschiedliche Interpretationen ein und desselben Werkes einspielt, ist das zu respektieren. Gidon Kremer sagte einmal in einem Fernsehinterview, dass er nun (in reiferen Jahren) in Bachs Sonaten und Partiten Dinge fände, die er vorher nicht gesehen habe – weshalb er sie nun ganz anders spielen würde. Und wie? Besser? Schlechter? Nein, eben anders. Das ist auch eine Frage des Alters. Wilhelm Backhaus sagte einmal: Je älter man wird, desto lächerlicher wird jedes Ritardando.

Das ist der eine Aspekt der Subjektivität aus der Sicht der Künstler. Nun der Aspekt der Rezipienten: Muss man als Rezipient bei Interpretationen, die einem nicht gefallen, die den oben (zugegeben: vage) angedeuteten (und erkennbaren!) Rahmen nicht überschreiten, nicht fairer Weise zugeben, dass sie in sich wenigstens stimmig sind (wenn sie es denn sind)? Ist es zuviel verlangt, die eigene subjektive Auffassung auch einmal zu relativieren und sie als eben subjektiv anzuerkennen und andere subjektive Meinungen gelten zu lassen? Wäre es nicht gut zu sagen, OK, kann man so machen, mein Geschmack ist es aber nicht? Subjektivität zu leugnen wäre Narretei. Manches gefällt einem, manches nicht. Das entzieht sich letztlich jedem Urteil, jeder Bewertung.

Dazu ein weiteres erlebtes Beispiel: Ein Pianist spielte vor etwa zwanzig Jahren in einem Konzert u. a. die „Valses nobles et sentimentales“ von Ravel. Ich kenne dieses Stück sehr gut. Ich war zunächst von seinem Spiel irritiert – bis ich nach einer Weile begriff (zu begreifen glaubte), dass er dieses Werk als eine Art von Walzerpersiflage auffasste. Und als solche war die Interpretation stimmig - obwohl das nicht meine Auffassung war! Ich musste zugeben, dass dieses Werk eine solche Interpretation „hergibt“. Doch: Vorsicht ist am Platze. War denn meine subjektive Auffassung, es handele sich um eine Walzerpersiflage, auch richtig? Hat der Pianist das (subjektiv) so gemeint wie ich es empfunden habe? Ich weiß es nicht. Und: Ist das wichtig? War es nicht schon positiv, dass ich schließlich mit dieser Interpretation zufrieden war und mit einem um diese Facette bereicherten Erfahrungshorizont wieder nach Hause fuhr?

Ich fürchte, nun wenigstens begründen zu können, warum das Eis, auf dem ich mich mit diesem Thema befinde, so dünn ist: Ein objektiver Maßstab ist niemals frei von Subjektivität! Das ist fatal, aber ich fürchte, es ist so. Objektivität und Subjektivität lassen sich nicht einwandfrei trennen, sie durchdringen sich zumindest partiell. Das ist in der Musik kein Widerspruch!

2.4. Gibt es ein Fazit?

1. Eine allein richtige Interpretation gibt es nicht. Jede Interpretation ist im Prinzip ein Diskussionsbeitrag – zu einer Diskussion mit offenem Ausgang.
2. Objektivität im Sinne eines Erkennens von Unerlaubtem setzt ein hohes Maß an Kennerschaft voraus und ist auch nie ganz frei von Subjektivität.
3. Subjektivität ohne Toleranz ist Starrsinn. Es gilt, in sich stimmige Interpretationen zu akzeptieren.

Mehr lässt sich meines Erachtens mit Worten nicht sagen.  Dieser Text kann nur eine Annäherung sein.